Schmerzbefreit
Wir haben heute wieder eine Partei an der Schwelle zum Reichstagsgebäude, die rechtsextreme Ideen für normal hält. Inzwischen kann sich eine Mehrheit nicht nur im Land der Frühaufsteher sondern im ganzen Vaterlande vorstellen, dass man diesen Leuten doch mal Macht, am besten die Ganze, übertragen könnte. Immer weniger meiner Nachbarinnen gruselt es, wenn kriegszerstörte Innenstädte, Stadtschlösser, Garnisonkirchen und ganze Quartiere schön mit Zuckerguss geschmückt wieder erstehen, so als wäre nie was gewesen. Alles sehr teuer, klar, aber für die Heimat schon wichtig, da sparen wir halt bei den Sozialausgaben und es gibt ja Tankrabatt und vielleicht 1000 Euro von der Chefin.
Die letzten Holocaustüberlebenden sterben gerade, also ist die Deutungshoheit für das, was da vor 100 Jahren hier in diesem Land begann und schließlich Millionen Leben kostete, endlich widerspruchslos bei denen, die das alles ja wohl noch sagen dürfen. Und da Wissenschaft einen immer schwereren Stand hat, man sowieso niemandem mehr glaubt, der oder die da irgendwie als „diedaoben“ identifiziert wird, dafür aber jede KI behaupten kann, was sie will, wird das Licht der Dichter und Denker immer düsterer. Heute ist der 8.Mai. Vor 81 Jahren erfuhren in unserem Land auch die letzten, dass sie nicht die größten sind, es leider keine natürliche „Herrenrasse“ gibt und sie der also auch nicht angehören können und auch, dass es, anders als man ihnen jahrelang weisgemacht hatte, kein natürliches Vorrecht für blonde, blauäugige Germanoide gibt.
In einer hoch technisierten, von weltweiten Abhängigkeiten geprägten und auf den klimatechnischen Kollaps zurennenden Welt scheinen die vor 100 Jahren glorifizierten Ideale geradezu lächerlich. Im Angesicht der Krisen und in Abwesenheit von einfachen Lösungen wird dennoch wie schon damals mit den Ketten gerasselt, werden die Schwächsten für schuldig erklärt, gerieren sich einzelne als überlegene Auskenner. Weil, da muss man sich ja nur auf alte Tugenden und Stärken besinnen, nicht wahr? Aber alte einfache Antworten für ganz neue, komplexe Fragen? Das kann doch nicht funktionieren, warum merkt das eigentlich niemand von den „Deutschland - aber Normal“-Jublerinnen?
Christian U.
Ein text vom 22.3.2026 —- Leander Haußmanns Film „Herr Lehmann“ gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Vielleicht war es das Wendethema, die kauzigen Figuren, die bierdunstigen Berliner Straßen und Lokale - irgendwie ist diese Film noch heute eine Sehnsuchtsgeschichte nach meiner Studienzeit in Berlin. Christian Ulmen spielte die Hauptrolle. Bis dahin war er für mich nur ein affiger Viva-Moderator und nach Frank Lehmann kam von ihm viel Belangloses, alberne Tatort-Folgen, schließlich unterirdische Shows und nervige Werbung. Ulmen war halt ein Prominenter wie viele andere auch.
Was in den letzten Tagen nun über den Mann bekannt wurde, hat auch mich schockiert, ja verstört. Und ich frage mich seit Tagen, ob es mich so sehr schockiert und verstört, weil Christian Ulmen ein Prominenter, mein Herr Lehmann ist, und wie ich wohl reagieren würde, wenn mir so etwas eine nicht prominente Freundin über einen nicht prominenten Freund berichten würde. Ich muss gestehen, tief in mir drin, dass meine Reaktion wohl nicht sofort die gleiche gewesen wäre.
Vorhin habe ich ein Statement von Benjamin von Stuckrad-Barre über seinen Freund Christian Ulmen gelesen, in dem er sagte, wir müssen langsam die Worte „Das kann ich mir nicht vorstellen“ aus unserem Wortschatz streichen. Ich denke, er hat Recht. Wenn mir diese unerträgliche Geschichte über das prominente Ex-Ehepaar etwas wirklich klar gemacht hat, dann dass alles möglich ist und dass alle, die nicht als cis-white-male wahrgenommen werden in dieser unserer freien Gesellschaft Angst haben, Angst haben müssen. Versteht mich nicht falsch, ich bin nach wie vor der Meinung, dass es Arschlöcher und feine Kerle aller Geschlechter gibt und dass Kontext und Erfahrung und das Anhören beider Seiten immer notwendig sind. Aber ich bin heute auch so sehr wie nie zuvor der Meinung, dass althergebrachte Geschlechterbilder schädlich und alle, die auf den alten Rollen beharren Heuchler sind, wenn sie von einer gleichberechtigten Gesellschaft sprechen.
Kommt die Bahn?
Bahnfahren ist unglaublich praktisch und entspannt. Wenn es denn klappt. Und wenn man zeitig genug bucht, ist es finanziell durchaus konkurrenzfähig. Also, wenn es denn klappt. Zugausfälle, Pannen, überfüllte Züge, Zug-Buchungen, die unmittelbar nach Buchung schon hinfällig sind. Es ist ein Trauerspiel. Die Netzwerke sind voll mit Horrorgeschichten, Hohn und Spott für das Unternehmen Zukunft. Verspätungen sind an der Tagesordnung, Rückerstattungen funktionieren so geräuschlos und geschmeidig, als würde man die gar nicht erst vermeiden wollen sondern sie gleich einkalkulieren.
Moment mal. Könnte es sein, dass genau das das Prinzip ist? Aktuell ist offensichtlich überall im Bahnbetrieb Chaos und trotzdem sind die Züge voll, übervoll sogar. Nicht auszudenken, wie viel größer die Nachfrage wäre, wenn plötzlich Pünktlichkeit ausbrechen würde, wenn es auf einmal verlässlich scheinen würde, mit der Bahn zu reisen. Der ganze Laden würde wegen Überfüllung dann doch direkt wieder wanken oder sogar einfach zusammenkrachen. Jede genervte Reisende ist also gut für den Laden, denn sie fährt hoffentlich nicht direkt wieder mit dem Unternehmen Zukunft. Und wenn sie dann auch noch bei Instagram ihrer Verzweiflung ob dieser Unfähigkeit Ausdruck verleiht, dann ist das noch besser, denn dann sparen sich vielleicht mit ihr gleich noch ein paar leicht verschreckbare Gemüte den Supersparpreis und fahren sicherheitshalber mit dem Auto.
Ich glaube, ich rege mich jetzt einfach nicht mehr auf über die Bahn sondern lobe einfach alles was den Sprintern gelingt. Gemein, ich weiß…


